Groß Nikolaus, 1898, Niederwenigern


Geboren am:

30.09.1898 in Niederwenigern

Gestorben am: 23.01.1945 in Berlin-Plötzensee von Nationalsozialisten hingerichtet
Verheiratet mit: Elisabeth Groß geb. Koch (* 11.03.1901 in Niederwenigern,  † 21.02.1972 in Köln)
Kinder:

Nikolaus Heinrich (* 1924, 1943 vermisst, 1948 aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt, † 2005), Bernhardine Elisabeth (* 1926, † 2015), Marianne (* 1927, † 2020), Liesel (* 1929), Alexander (* 1931, † 2019), Bernhard (* 1934, † 2019) und Helene (* 1939)

Geschwister: ja, namentlich nicht bekannt
Eltern:

nicht bekannt

Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Nikolaus Groß und Elisabeth Koch am Verlobungstag 1922, Quelle: Archiv Bistum Essen

„Auf ein Wiedersehen in einer besseren Welt“

Nikolaus Groß wurde am 30.09.1898 als Sohn einer Bergarbeiterfamilie in Niederwenigern, eines heutigen Stadtteils von Hattingen, geboren. Von 1905 bis 1912 besuchte er die katholische Volksschule in Niederwenigen und arbeitete im Anschluss bis 1914 im Blechwalz- und Röhrenwerk der Firma Weppen in Altendorf, einem heutigen Stadtteil von Essen. Von 1915 bis 1919 war er wie sein Vater Zechenarbeiter auf der Zeche Dahlhauser Tiefbau.

1917 trat er dem „Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands“ bei und bildete sich dort in Abendkursen und Rednerschulungen fort. 1918 wurde er Mitglied der Deutschen Zentrumspartei, die bis zum Beginn des Nationalsozialismus eine der wichtigsten Parteien im Deutschen Reich war.

Seine Arbeit als Zechenarbeiter gab er 1920 auf und wurde Sekretär beim Gewerkverein Christlicher Bergarbeiter in Oberhausen. Es folgten Tätigkeiten als Hilfsredakteur bei der Verbandszeitung, eine 4-monatige Tätigkeit als Gewerkschaftssekretär im schlesischen Waldenburg und seit November 1922 die Bezirksleitertätigkeit des Gewerkschaftsvereins christlicher Bergarbeiter in Zwickau. Von Dezember 1924 folgten 2 Jahre Tätigkeit als Geschäftssekretär in Bottrop.

Während seiner Tätigkeit in Bottrop heiratete Nikolaus Groß am 23.05.1923 die ebenfalls aus Niederwenigern stammende Elisabeth Koch, mit der er sich 1922 bereits verlobt hatte. Aus der Ehe stammen 7 Kinder.

Seit Januar 1927 war er als Redakteur der Westdeutschen Arbeiterzeitung, einer NDSAP-kritischen Zeitung, tätig und arbeitete sich schnell zum Chefredakteur hoch. Bereits zu dieser Zeit engagierte er sich zusammen mit Jakob Kaiser, Otto Müller, Josef Jakob und Bernhard Letterhaus im Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde die Westdeutsche Arbeiterzeitung im Jahr 1933 für 3 Wochen verboten. 1935 wurde die Zeitung in Ketteler-Wacht umbenannt, die wöchentlich erschien und in den Folgejahren mehrfach verboten wurde.

„Das Geheime Staatspolizeiamt in Berlin hat im Einvernehmen mit dem Herrn Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda auf Grund des § 1 der Verordnung vom 28. Februar 1933 die Wochenschrift "Ketteler-Wacht" ab sofort auf unbestimmte Zeit verboten, weil der in der Nr. 7 der Zeitschrift vom 12.2.1938 auf der Titelseite veröffentlichte Leitartikel "Weltanschauung und Leben" geeignet ist, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu stören.“ Quelle: Kommission für Zeitgeschichte, Bonn, KAB E I.2.

Nikolaus Groß wurde Verbandsleiter der KAB Düsseldorf. Diese Tätigkeit, bei denen er die KAB auf katholischen Konferenzen vertrat, war für ihn mit vielen Reisen verbunden, was ihm bei seiner späteren Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus behilflich war. Am 19.11.1938 wurde die Ketteler-Wacht endgültig verboten. 1939 übernahm er die Verbandsleitung der KAB im Kettelerhaus in Köln. Seit 1942 beriet er sich im Kölner Kreis in enger Zusammenarbeit mit dem Berliner Kreis um Carl Friedrich Goerdeler über Alternativen zum Naziregime und um Planungen nach dem Ende der Hitler-Ära.

Nach dem fehlgeschlagenen Attentat am 20.07.1944 durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler, wurde auch Nikolaus Groß am 12.08.1944 wegen des Attentats verhaftet, obwohl er an diesem nicht beteiligt war. Am 05.01.1945 wurde er zum Tode verurteilt und nach Berlin-Plötzensee deportiert.


Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Nikolaus Groß bei seiner Gerichtsverhandlung am 05.01.1945 im nationalsozialistischen „Volksgerichtshof“. Unter dem Vorsitz von Roland Freisler wurde er zum Tode verurteilt. Quelle: Bistum Essen

In Berlin wurde sein Todesurteil am 23.01.1945 vollstreckt. Seine Ehefrau Elisabeth, die ihm nach Berlin nachgereist war, durfte ihn 5 Tage vorher am 18.01.1945 im Beisein eines SS-Mannes für eine Viertelstunde besuchen, um sich von ihm zu verabschieden. Er verabschiedete sich von ihr mit den Worten: „Sucht nachher nicht nach meinem Leichnam. Ihr werdet ihn nicht finden. Wir werden alle verbrannt. Und dennoch wird uns der Herr auferstehen lassen.“

Am 21.01.1945, zwei Tage vor seinem Tod verfasste Nikolaus Groß noch einen Abschiedsbrief an seine Frau (darin Mutter genannt) und seine Kinder, den diese erst nach Kriegsende im Juli 1945 erhielten und dann auf seinen Totenzettel drucken ließen.

Nikolaus Groß wurde am 23.01.1945 im Alter von 46 Jahren von den Nationalsozialisten hingerichtet. Der Hinrichtungstermin wurde seiner Familie nicht mitgeteilt und so kam es, dass nach Rückkehr seiner Frau aus Berlin, der Kölner Erzbischof Joseph Frings am 30.01.1945 noch ein Gnadengesuch an den Reichsjustizminister Otto Georg Thierack schickte, nicht wissend, das Nikolaus Groß bereits hingerichtet wurde.


Abschiedsbrief vom 21.01.1945 an seine Frau und seine Kinder

Herzallerliebste Mutter!

Ihr lieben guten Kinder alle!

Es ist St. Agnestag, an dem ich diesen Brief schreibe, der, wenn er in Eure Hände kommt, zusammen mit einem Brief, den ich im November schrieb, Euch künden wird, dass der Herr mich gerufen hat. Vor mir stehen Eure Bilder und ich schaue jedem lange in das vertraute Angesicht. Wieviel hatte ich noch für Euch tun wollen – der Herr hat es anders gefügt. Der Name des Herrn sei gepriesen. Sein Wille soll an uns geschehen. Fürchtet nicht, dass angesichts des Todes großer Sturm und Unruhe in mir sei. Ich habe täglich gebeten, dass der Herr mich und Euch stark mache, alles geduldig und ergeben auf uns zu nehmen, was er für uns bestimmt oder zugelassen. Und ich spüre wie es durch das Gebet still und ruhig geworden ist.

Mit inniger Liebe und tiefer Dankbarkeit denke ich an Euch zurück. Wie gut ist doch Gott und wie reich hat er mein Leben gemacht. Er gab mir seine Liebe und Gnade und er gab mir eine herzensliebe Frau und gute Kinder. Bin ich ihm und Euch dafür nicht lebenslänglichen Dank schuldig? Habt Dank, Ihr Lieben, für alles, was Ihr mir erwiesen. Und verzeiht mir, wenn ich Euch weh tat, oder meine Pflicht und Aufgaben an Euch schlecht erfüllte. Besonders Dir, liebe Mutter, muss ich noch danken. Als wir uns vor einigen Tagen für dieses Leben verabschiedeten, da habe ich, in die Zelle zurückgekehrt, Gott aus tiefem Herzen gedankt für Deinen christlichen Starkmut. Ja Mutter, durch Deinen tapferen Abschied hast Du ein helles Licht auf meine letzten Lebenstage gegossen. Schöner und glücklicher konnte der Abschluss unserer innigen Liebe nicht sein, als er durch Dein starkmütiges Verhalten geworden ist. Ich weiß: Es hat Dir und mir große Kraft gekostet, aber dass uns der Herr diese Kraft geschenkt, dessen wollen wir dankbar eingedenk sein.

Manchmal hatte ich mir in den langen Monaten meiner Haft Gedanken darüber gemacht, was wohl einmal aus Euch werden möge, wenn ich nicht mehr bei Euch sein könnte. Längst habe ich eingesehen, dass Euer Schicksal gar nicht von mir abhängt. Wenn Gott es so will, dass ich nicht mehr bei Euch sein soll, dann hat er auch für Euch eine Hilfe bereit, die ohne mich wirkt. Gott verlässt keinen, der ihm treu ist, und er wird auch Euch nicht verlassen, wenn Ihr Euch an ihm haltet.


Bild in Lightbox öffnen (open image in lightbox). Abschiedsbrief vom 21.01.1945 von Nikolaus Groß auf seinem Totenzettel
 

Habt keine Trauer um mich – ich hoffe, dass mich der Herr annimmt. Hat er nicht alles wunderbar gefügt? Er ließ mich in einem Hause, in dem ich auch in der Gefangenschaft manche Liebe und menschliches Mitgefühl empfing. Er gab mit über 5 Monate Zeit – wahrscheinlich eine Gnadenzeit – mich auf die Heimholung vorzubereiten. Ja, er tat viel mehr: Er kam zu mir im Sakrament, oftmals, um bei mir zu sein in allen Stürmen und Nöten, besonders in der letzten Stunde. Alles das hätte ja auch anders sein können. Es war nur ein Kleines dazu nötig, ich brauchte, wie viele andere nach dem Angriff vom 6.10. nur in ein anderes Haus verlegt werden, und ich hätte Vieles und Entscheidendes nicht empfangen. Muss ich nicht Gottes weise und gütige Fügung preisen und ihm Dank sagen für seine Güte und väterliche Obhut? Sieh, liebe Mutter, so menschlich schwer und schmerzlich mein frühes Scheiden auch sein mag – Gott hat mir damit gewiss eine große Gnade erwiesen. Darum weinet nicht und habt auch keine Trauer. Betet für mich und danket Gott, der mich in Liebe gerufen und heimgeholt hat.

Ich habe für jeden von Euch einen Spruch oder ein Andachtsbildchen mit einem persönlichen letzten Wort versehen. Möge es jedem eine kleine Erinnerung sein mit der Bitte, mich im Gebet nicht zu vergessen. Eine große Freude war mir das Sterbekreuz und der Rosenkranz, den Du, liebe Mutter, mir in die Zelle schicktest. Ich trage das Kreuz Tag und Nacht auf der Brust und auch der Rosenkranz ist mein ständiger Begleiter. Ich werde Sorge tragen, dass beides in Deine Hände zurückkommt. Auch sie werden Dir Gegenstand lieber Erinnerung sein. Nun habe ich meine irdischen Angelegenheiten geordnet. Die Tage und die Stunden, die mir bleiben, will ich ganz dem Gebete hingeben. Gott möge sich meiner armen Seele erbarmen und Euch immerdar mit seinem Segen und seiner Gnade begleiten.

In der Liebe Christi, die uns erlöse und unsere ganze Hoffnung ist, segne ich Euch: Dich, liebste Mutter, Dich Klaus, Dich Berny, Dich Marianne und Dich Elisabeth, Dich Alexander, Dich Bernhard und Dich Leni. Ich grüße noch einmal alle teuren Verwandten, meinen Vater und Schwiegervater, meine Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen mit ihren Kindern, alle Verwandten, Freunde und Wohltäter.

Gott vergelte Euch, was ihr mir Liebes und Gutes getan habt. Im Vertrauen auf seine Gnade und Güte hofft auf ein ewiges Wiedersehen in seinem Reiche des Friedens

Euer Vater.


Seligsprechung

Am 07.10.2001 wurde Nikolaus Groß von Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom seliggesprochen, wozu sich sein 2019 verstorbener Sohn Alexander damals sehr kritisch äußerte, denn „mit der Seligsprechung seines Vaters habe der Vatikan die eigene Feigheit während des Zweiten Weltkrieges nur vertuscht. Sein Vater sei im Gegensatz zu dem Vatikan ein Mann des Widerstands gegen Hitler gewesen.“ Im Bistum Essen ist Nikolaus Groß der bisher einzige Seliggesprochene (Stand 05/2020).


Gedenkseite 2096