Kirchens Paul, 1927, Afst / Manderfeld


Geboren am: 22.05.1927
Gestorben am: 05.10.2016
Eltern: Peter und Margaretha Kirchens
Geschwister: Mathias, Nikolaus, Regina

 

Aus seinem Leben

Paul wurde als dritter Sohn der Eheleute Peter und Margareta Kirchens geboren.

Trotz einer strengen katholischen Erziehung hat Paul nie geheiratet und eine Familie gegründet. Er zog lieber durch die Welt und konnte immer spannende Geschichten von seinen Reiseerlebnissen erzählen.

Paul starb 2016 in dem Altenheim in Eupen, in dem auch seine jüngere Schwester gelebt hat. 

Hier nun eine Geschichte, die Paul für seine Familie niedergeschrieben hat.

Ein Besuch im Wehrbezirkskommando Monschau im Sommer 1941 - von Paul Kirchens

Mein Vater Peter betrieb nebenberuflich eine kleine Landwirtschaft. Er arbeitete als Rottenarbeiter auf der Bahn. Man kann die Landwirtschaft nicht mit heute vergleichen. Mein Vater mähte soviel Gras mit der Sense, bis es reichte, einen Heubock zu machen. Nach Feierabend mähte er so eine Fläche von 2,5 ha. Nachher waren viele Heuböcke auf dem Feld zu sehen, die dann später nach Hause gebracht werden mussten.

Eines Tages sagte mein Vater: „Hätten wir noch das Heu rein“. Mein ältester Bruder Mathias absolvierte seinen Arbeitsdienst in Hangelar bei Bonn und mein Bruder Nikolaus musste ein Landpflichtjahr bei Dederichs in Hallschlag machen. Es war also schwierig, die Heuernte einzubringen, weil meine Brüder nicht mehr zu Hause waren.

Als mein Vater so klagte, dass wir das Heu nicht hereinbringen konnten, sagte ich zu ihm: „Ich fahre morgen zum Wehrbezirkskommando nach Monschau und stelle einen Antrag, dass Mathias eine Woche Heuurlaub bekommt“. Mein Vater meinte: „Glaubst du, dass es etwas nützt?“ Ich erwiderte ihm: „Mehr wie Nein sagen können sie nicht“.

Am nächsten Morgen zog ich meine HJ-Uniform an (ich war damals 14 Jahre alt) und fuhr mit dem 8-Uhr-Zug ab Losheim. In Weywertz musste ich umsteigen, dann kam Sourbrodt, Kalterherberg. „Monschau“ rief der Schaffner aus und ich stieg aus. Ich ging den Monschauern nach, denn die hatten so einen Schlangenpfad den Berg hinunter getreten, um nicht den weiten Umweg der Straße entlang zu gehen. Unten im Städtchen angekommen, sah ich auf einmal ein Schild, eine Hand mit einem gestreckten Zeigefinger „Wehrbezirkskommando“.

Ich dachte, dann bist du ja richtig. Vor dem Wehrbezirkskommando stand ein Wachposten in einem Schilderhäuschen. Ich grüßte mit „Heil Hitler“ wie es sich damals gehörte und der Wachposten erwiderte meinen Gruß. Er fragte mich: „Weshalb kommst du hierhin?'“ Ich sagte ihm, dass ich einen Antrag stellen wolle. Er befahl mir im Vorraum Platz zu nehmen, er werde mich weitermelden.

Nach etwa 5-10 Minuten wurde die Tür geöffnet und man bat mich, einzutreten. Ich habe mich wohl gefragt, weshalb das so lange gedauert hat, bis die Tür geöffnet wurde. Hatten die hohen Herren sich noch in Pose gebracht, um den „hohen Gast“ zu empfangen? Zunächst eine kurze Beschreibung, wie es im Wehrbezirkskommando aussah (soweit ich mich erinnern kann): es war ein größerer Saal, etwa die Größe wie der Saal Henkes in Manderfeld. Im Vordergrund hing ein großes Hitlerbild mit 2 gekreuzten Hakenkreuzfahnen; links und rechts an den Wänden entlang standen Aktenschränke. Etwa in der Mitte des Saales stand ein langer Quertisch, an dem 6-8 hohe Offiziere saßen.

Die Haare der Offiziere waren kurz geschnitten, die Scheitel waren so exakt gekämmt als hätte man dafür ein Lineal benutzt. Die Offiziere trugen mehrere Sterne auf den Achselklappen oder Reviers.
Ein Offizier trug Sporen an den Stiefeln, es war sicher ein Offizier der Kavallerie. Mindestens einer trug auch das Ritterkreuz. Alle trugen schöne Uniformen und hatten schwarz lackierte Stiefel an. Ich trat also in den Saal ein. Ich grüßte mit erhobenem Arm und Hackenschlag (wie man es schon in der HJ gelernt hatte), mit „Heil Hitler“, und ein mehrfaches „Heil Hitler“ wurde erwidert.

Dann aber, als die hohen Herren mich sahen, ging ein Raunen durch den Saal, einer schaute den anderen an und die hätten am liebsten gefragt: „Was tut der kleine Knirps hier?“ Als die Offiziere sich etwas beruhigt hatten, fragte mich der Sprecher, der an der linken Seite des Tisches saß: „Was führt dich zu uns?“ Ich sagte ihm: „Das will ich Ihnen gerne sagen. So geht es nicht mehr weiter wie bisher!“ Er erwiderte: „Was geht nicht weiter wie bisher?“ Ich sagte ihm: „Mein Bruder Mathias, der seinen Arbeitsdienst in der soundsovielten Arbeitskompanie in Hangelar bei Bonn absolviert, muss dringend Ernteurlaub bekommen. Wir können die Heuernte nicht einbringen, was sollen wir den Tieren im Winter zu fressen geben?“

Er sagte dann: „Hast du Beweise hierfür?“ Ich erwiderte: „Selbstverständlich habe ich Beweise. Mein Vater muss täglich zur Bahn, meine Mutter ist bereits durch eine schwere Krankheit seit 2 Jahren ans Bett gefesselt - (gleichzeitig schob ich ein ärztliches Attest einem der Herren zu), mein Bruder Nikolaus muss das Pflichtlandjahr machen und meine Schwester geht noch zur Volksschule und für mich ist die Arbeit sowieso zu schwer.

Links von dem Sprecher saß der Protokollführer, der alles zu Papier brachte. Dann nahm der Sprecher ein großes Buch, etwa so groß wie eine halbe Tischplatte, ca. 18 - 20 cm dick, zur Hand. Er fing an zu blättern und ich beobachtete ihn. Auf einmal nickte er mit dem Kopf und er hatte Mathias gefunden.

Nun rückten die hohen Herren mit den Stühlen zusammen und tuschelten unter sich, wovon ich natürlich nichts verstand. Als sie wieder auf ihren vorigen Positionen Platz genommen hatten, sagte der Sprecher zu mir: „Lass deinen Eltern ausrichten, wir werden die Sache überprüfen und sie werden Nachricht von uns erhalten.“ Mit einem „Dankeschön“ und einem Hitlergruß machte ich eine kurze Kehrtwendung und verließ erhobenen Hauptes den Saal.

Noch eine kurze Bemerkung: Als ich mein Anliegen vortrug, schmunzelten einige Offiziere und ein Lächeln um die Mundwinkel war zu erkennen. Es schien mir, als ob sie etwas Sympathie für mich empfanden, weil ich so dreist dort aufgetreten war. Ich deutete das nicht als schlechtes Omen und ich trat die Heimfahrt an.

Zuhause angelangt, fragte mein Vater mich: „Nun, Paul, hast du was erreicht?“ Ich berichtete ihm, was die Offiziere mir gesagt hatten. Nach meinem Besuch in Monschau war 2 Wochen Regenwetter und von einer Nachricht war nichts zu sehen und zu hören.

Dann wendete sich die Wetterlage, schönes sonniges Wetter wurde gemeldet und am folgenden Tag stand Mathias vor der Tür und hatte eine Woche Heuurlaub bekommen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Paul, das hast du gut gemacht.“ Er war froh, mal Urlaub zu bekommen und natürlich waren meine Eltern, besonders meine kranke Mutter überglücklich, Mathias noch mal bei sich zu haben.

 


Gedenkseitennummer 37